Bericht vom 8. Kölner Gefahrstofftag

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In gewohnt interessanter und aktueller Weise lief der achte Kölner Gefahrstofftag in der IHK zu Köln ab. Organisiert von einem breiten Bündnis von DGAH, DGB, IHK, VDSI u.a.

Der Kölner Unternehmensberater Jörg Stottrop berichtet hier von dem achten Kölner Gefahrstofftag im November 2011.

Erster Vortrag: Biostoffe an Hochschulen – vorgetragen von Frau Dr. Heike Körber von der Uni Frankfurt. Ich will an dieser Stelle nicht den Vortrag originalgetreu widergeben, sondern nur für mich interessante Infos. Da wäre zum ersten, dass menschliches Blut der Risikogruppe 2 nach § 3 BioStoffV zuzuordnen ist. Das hat zur Folge, dass alle Labors und Einrichtungen, die mit menschlichem Blut zu tun haben, Schutzmaßnahmen nach der Schutzstufe 2 gemäß § 6 f BioStoffV einzuhalten haben. Für gezielte Tätigkeiten sind diese im Anhang II der Verordnung dargestellt. Beispiele für nicht gezielte Tätigkeiten sind Tätigkeiten der Gärtner, die zum Beispiel Aerosolen beim Rasenmähen ausgesetzt sind, die mit Eiern des Hundebandwurms oder der Rötelmaus angereichert sein können. Diese können im Extremfall mit Hantaviren befallen sein.

Zweiter Vortrag: Ultrafeine Partikel – von Frau Ute Bagschick von der MMBG, Düsseldorf. Da die BGen sich seit einiger Zeit ständig zu größeren Gebilden zusammenschließen müssen, heißt diese BG nun BG Holz und Metall, BGHM. Kann sein, dass ich den Titel der BG auch falsch gelesen habe, weil sie – wie gesagt – jetzt BGHM heißt. Das finde ich erst mal gewöhnungsbedürftig. Nanopartikel sind solche, die kleiner als 100 nanometer (nm) sind. Carbonanotubes sollen ähnliche Eigenschaften wie Asbest haben. Aber bewiesen und 100% wasserdicht dies diese Aussage nach meiner Erinnerung nach noch nicht. Man kann diese Röhren chemisch modifizieren, so dass sie biologisch vom Körper abbaubar sind. Metaller denken bei Röhren eher an die makroskopischen Röhren, die eine Zeitlang mal zu Vodafone gehört haben – oder so ähnlich. Auf jeden Fall sollten bei den Nanotubes (Nanoröhren) Schutzmaßnahmen ähnlich wie bei künstlichen Mineralfasern (KMF) angewandt werden. KMF sind als biopersistente Fasern einzustufen. Wer sich unsicher ist, ob derartige Stoffe freigesetzt werden, kann das vorgestellte Verfahren PIMEX einsetzen, welches eine Messung und Visualisierung der relevanten Expositionen gleichzeitig – sozusagen online – visualisiert, so dass man daraus Rückschlüsse auf Erfassungen und sonstige organisatorische und technische Schutzmaßnahmen ziehen kann.

Die neue DGUV Vorschrift 2 wurde im dritten Vortrag von Carmen Pies und Günter Burow vom VDSI vorgestellt. Dies ist das neue bundesweit über alle Branchen incl. Öffentlicher Dienst seit 1.1.2011 gültige Regelwerk zur Bemessung von Zeit und Aufgaben der Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzten. Abgesehen davon, dass dieser neue Begriff schon wieder zu einem neuen Merken von BG Vorschriften führt. Erst war es die VBG 8, dann wurde daraus die BGV A 2, jetzt DGUV. Ich finde, die Abkürzungen waren früher kürzer. Der Text aber auch. Ich will aber nicht meckern. Neulich habe ich gelesen, dass Karl Valentin gesagt haben soll: „Früher war sogar die Zukunft besser.“ Die Betreuungszeit ist ab jetzt aufwendiger zu ermitteln. Es gibt eine Grundbetreuungszeit, die sich nach der Eingruppierung in einen Wirtschaftszweig und der Anzahl der Beschäftigten ergibt. Dabei gibt es keinen Degressionsrabatt. Hinzu kommt ein betriebsspezifisch zu ermittelnde sogenannte „Anlassbezogene Betreuung“. Diese bezieht sich auf Gefährdungsbeurteilung, Anschaffung neuer Maschinen aber auch Themen wie Demographie oder Gesundheitsschutz. Jeder Betrieb und jede Stelle im öffentlichen Dienst muss diesen betriebsspezifischen Teil gemäß der Checkliste in dieser Vorschrift mit dem langen Namen selber ermitteln. Dies ist im Grunde schon eine halbe Gefährdungsbeurteilung. Die BG RCI hat ein Rechenprogramm zur DGUV Vorschrift 2 entworfen, das man hier leider kostenpflichtig bestellen kann. Hier gibt es die Vorschrift als pdf-Datei. Für Betriebe unter 10 Beschäftigten wurde die Betreuung komplett geändert. Die ermittelten Einsatzzeiten sind übrigens zwischen Sifa und Betriebsarzt einvernehmlich aufzuteilen. Die nach ArbMedVV geforderten Pflichtuntersuchungen gehören nicht dazu. Dies ist ein Novum. Der Betriebsarzt muss mindestens 20% der Einsatzzeit der Sifa haben.

Nanoskalige Partikel war der Titel des vierten Vortrags in der IHK Köln – gehalten von Prof. Dr. Th. Kraus. Er stellte klar, dass sich der Begriff bislang lediglich auf die industriell oder zumindest künstlich hergestellten Fullerene und ähnliche zwergenhaften Partikel bezieht, nicht aber auf natürliche Produkte, die in der Umwelt auf unserer Erde genauso vorkommen und einen ähnliche Größenordnung haben, nämlich kleiner gleich 100 nm. Beispiele für natürlich vorkommende nanoskalige Partikel sind Wüstensand, der von Afrika bis nach Europa verfrachtet wird. Dieser wird möglicherweise eine ähnliche Wirkung beim Menschen hervorrufen, ist meine eigene Vermutung. Ebenfalls nicht unter diesen Begriff fallen Schweißrauche, die ebenfalls künstlich hergestellt werden und ebenfalls oft einen Durchmesser kleiner 100 nm aufweisen. Diese Stoffe werden häufig als „ultrafeine Partikel“ bezeichnet. Ähnlich wie bei Asbest komme es auch bei nanoskaligen Partikel auf die Form an. Lange, starre Nanotubes haben sogar stärkere Effekte als Asbestfasern. Hohe Dosen an derartigen Nanopartikeln verursachen bei Instillation von etwa 1 mg/kg in die Lunge (Verabreichung in die Lunge von Versuchstieren) eine signifikante Zunahme an Entzündungsreaktionen. Demgegenüber zeigen rundliche Nanopartikel überhaupt keine negativen gesundheitlichen Effekte im Tierversuch bei Mäusen. Sehr kleine Nanopartikel zeigen ebenfalls keinerlei negative toxikologische Erscheinungen. Prof. Kraus forderte dazu auf, nicht alle Nanotubes in einen Topf zu werfen, sondern genauer hinzuschauen – etwa auf Größe, Form etc, bevor man eine Aussage trifft. Keine Gefahr geht von Nanopartikeln aus, wenn sie fest in eine Matrix in Produkten eingebunden sind. Kritisch wird es bei der Verarbeitung – vor allem als Feinststaub – sowie generell bei allen staubenden Expositionen. Bei der Anwendung in Hautcreme gibt es allerdings wenig Versuche, vor allem auch, weil Versuche am Menschen nicht machbar sind. Die DGUV hat eine FAQ dazu im Internet als Hilfe für Betriebsärzte veröffentlicht. Hier gibt es auch kurze Einführungen in diese Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Eine interessante Seite sei auch nano.org.uk

Den abschließenden Vortrag hielt wie immer Dr. Pfeil von den Fordwerken in Köln zum Thema Gefahrstoffverordnung 2010. In gewohnt interessanter und humorvoller Weise kommentierte Dr. Pfeil als Mitglied des AGS bei der BAuA die künftige rechtliche Entwicklung. Mit dem Inkrafttreten der neuen GefStoffV wird am 1.12.2010 gerechnet. Ab 2015 kommt die vollständige Umstellung der Verordnung auf die GHS-CLP-VO der EU. Es gibt dann jedoch keine Übergangsfrist mehr. Daher beginnt jetzt die Übergangsfrist zur Umstellung auf die CLP-VO der Europäischen Union. Die Betriebe sollten diese auch nutzen, weil es doch eine Menge zu tun gäbe. Ein psychologisch wichtiges Moment ist die Zunahme an „Totenkopf-Gefahrstoffen“. Die bisherigen EG-RL dazu sahen den Totenkopf nur bei wirklich giftigen und sehr giftigen und ähnlich problematischen CMR-Stoffen und Gemischen vor. Künftig auf weltweiter Ebene wird der Totenkopf jedoch sehr viel häufiger auf den Gefahrstoff-Verpackungen und –gebinden zu sehen sein. Dies erfordert nicht nur präzise Gefährdungsbeurteilungen auf der neuen Basis, sondern sehr viel Aufklärung und Schulung der Betroffenen, damit die neuen Piktogramme richtig verstanden werden. Freiwillig kann sie ja schon angewandt werden und für Reinstoffe ist sie ja bereits auch Pflicht. Die Bekanntmachung 408 – früher hieß dies TRGS, jetzt klingt das nach meiner Meinung eher preußisch, obwohl es eine Erläuterung von – an sich un-preußischen – EU Vorschriften ist – präzisiert die Pflichten zur Umstellung auf CLP aus Sicht der TRGS und der GefStoffV. Auch bei CMR-Stoffen gibt es künftig eine geringe Gefährdung. Das Gefahrstoffverzeichnis wird erweitert und muss ab 2011 folgende Punkte enthalten: Verweis auf Sicherheitsdatenblätter, Bezeichnung des Gefahrstoffs, Einstufung oder gefährliche Eigenschaft sowie Menge bzw. Mengenbereiche wie klein – mittel – groß sowie die Bezeichnung der Arbeitsbereiche. Fazit aus meiner Sicht: Das Gefahrstoffverzeichnis ist in vielen Betrieben anzupassen und die Umstellung auf die völlige Gültigkeit der CLP-VO sollte in kleinen Schritten früh genug vorbereitet werden. Neuigkeiten aus dem AGS wurden diesmal nicht vorgestellt. Das kommt bestimmt wieder auf dem nächsten Kölner Gefahrstofftag 2011 Ende des Jahres. Ich freue mich schon drauf.